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Renate Harms-Tapken (l.) und Julia Köster. Foto: IFI Kinderheim Leer gGmbH

Der Beitrag ist in der IFIGENIE 2/2015 erschienen.

 

Doppelt spitze

In der IFI Kinderheim Leer gGmbH hat es einen Wechsel in der Geschäftsführung gegeben. Um eine neue Leitung zu finden, wurde ein umfangreiches partizipatorisches Verfahren entwickelt, das früher als erwartet zu einem positiven Ergebnis führte. Als Beteiligte berichten Julia  Köster, Renate Harms-Tapken und Bettina Bischoff davon.

 

JULIA KÖSTER:

Eine Geschäftsführung wählen – das klingt doch innovativ und sinnig, da war ich sofort mit an Bord. Wir vom Kinderheim Leer bemühen uns so sehr, die Kids in alle Lebensbereiche einzubeziehen, dann gehört es auch dazu, sie mitbestimmen zu lassen, wer zukünftig die IFI Kinderheim Leer gGmbH leitet und damit eben, welche „Segel gesetzt werden“. Genauso muss der Partizipationsgedanke auch für unsere Mitarbeiter gelten: Auch sie müssen mit einbezogen werden und auch mitbestimmen können, wer sie zukünftig führen soll!

Schnell stand fest, dass es ein Gremium geben sollte, bestehend aus: Rolf Kötterheinrich als Stiftungsvorstand, Hausleiterin Bettina Bischoff, Meike Evers als pädagogische Fachkraft und einem Kind/Jugendlichen. Dieses Gremium sollte dann gemeinsam Bewerber und Bewerberinnen kennenlernen, befragen und dann darüber entscheiden.

Der logische Schluss: Wer Geschäftsführung werden will, muss sich dafür bewerben, wird vom Gremium zu einem Gespräch eingeladen und muss Fragen beantworten.

 Ach, was war ich da kribbelig. Erst die Überlegung, ob ich mich bewerbe und wie ich mich bewerbe? Wie bekomme ich das mit meiner Kollegin hin, von der ich möchte, dass sie sich auch bewirbt? Wir hatten schon Signale aus der Stiftung wahrgenommen, dass eine Doppelbesetzung in der Geschäftsführung genauso positiv wie eine Einzelbesetzung bewertet wird und zu dem noch der „Vier-Augen-Faktor“ als zusätzlicher Vorteil einer Doppelspitze gesehen wird.

Dann hoffte ich natürlich auch auf die Wirkung unseres Bekanntheitsgrades: Renate, die sich dann auch bewarb, ist schon seit „Ewigkeiten“ im Kinderheim, und ich ja auch schon das eine oder andere Jahr. Im Bewerbungsverfahren würde also unser bisheriger Einsatz für das Kinderheim ebenso bewertet wie unsere zukünftigen Leistungen eingeschätzt würden.

Dann wurde es konkret und auch spannend, schließlich war mein letztes Bewerbungsgespräch schon fünf Jahre her. Zum Glück musste ich da nicht alleine durch. Renate war ja mit dabei! Wir konnten uns also gegenseitig „verrückt machen“ (hat jetzt jemand erwartet, ich würde schreiben: uns ruhig über unsere Erwartungen und Ideen austauschen…?), und wir haben das Gespräch, zu dem wir eingeladen wurden, dann letztlich gut gemeistert. Wir stellten uns also dem Wahl-Gremium. Wahnsinn, wie detailliert und fundiert die Einzelnen ihre Fragen gestellt haben und auch anschließend wohl miteinander diskutiert haben und die Entscheidung angegangen sind. Ich war auch noch nach dem Gespräch richtig baff.

Aufregung wurde dann zu Freude! Und ich bin sehr stolz darauf, dass der Vorstand, die Mitarbeiter sowie die Kinder und Jugendlichen die Leitung des IFI Kinderheims bei Renate und mir gut aufgehoben sehen.

Und nun sind wir hier und dürfen die Geschicke des IFI Kinderheims gemeinsam lenken. Das ist eine große Verantwortung, der ich mich gerne stelle, da ich merke, wie viel Freude mir die Arbeit mit ihren unterschiedlichen Facetten macht und wie viele Erfolge wir in der täglichen Arbeit „feiern“ können. Und ja: Ich spüre den Unterschied zu „vorher“ – mit der neuen Position gehen auch andere Aufgaben, Entscheidungen und Termine einher. Ich merke selber, dass ich seit Februar ein ganzes Stück an den Aufgaben gewachsen bin – und das IFI Kinderheim ist ja auch gewachsen: Wir haben verschiedene Betriebserlaubnisse  für Gruppen und Einzelbetreuung erhalten. Und so wünsche ich es mir auch für die Zukunft: dass das IFI Kinderheim mit uns über die Jahre qualitativ und quantitativ wächst und uns allen hier, Mitarbeitern wie Kindern und Jugendlichen, die gemeinsame Zeit viel Freude bereitet.

 

RENATE HARMS-TAPKEN:

Nach dem Ausscheiden unserer Vorgängerin kam die Frage auf: Und nu? Bereits in der Runde der Bekanntgabe waren Julia Köster und ich uns einig: In Vertretungssituationen haben wir auch gut zusammengearbeitet. Also boten wir an, bis zur Entscheidung, wer nun die Geschäftsführung im Kinderheim Leer übernimmt, als „Vertretungsleitung“ tätig zu werden. Wir wussten ja, welche Aufgaben erledigt werden müssen. Dieses Angebot wurde dankend vom Vorstand der IFI Stiftung angenommen.

Nach wenigen Wochen und wöchentlichen Treffen mit dem Vorstand wurde deutlich, dass dieser mit unserer Vertretungsleistung sehr zufrieden war und sich auch dauerhaft das Duo „Julia und Renate“ als Geschäftsführung vorstellen kann. Puhhh, das machte mich einerseits sehr stolz, anderseits machte ich mir aber auch Gedanken, ob ich das alles schaffen kann. Denn mein Herz hängt ja an der Kinderhilfsstelle. Muss ich das dann aufgeben und meinen Standort in die Brüder-Grimm-Straße verlegen? Bin ich allen Aufgaben wirklich auch langfristig gewachsen?  Julia und ich waren uns einig, dass wir beide es miteinander versuchen und auch schaffen werden.

Ich bin dann erstmal nach Hause und führte viele Gespräche mit meinem Mann. Was bedeutet das auch für unsere gemeinsame Zeit? Will ich das wirklich? Klar, das schaffen wir und trotz allem bleibt unsere gemeinsame Zeit wichtig.

Dann ist da aber auch die Kinderhilfsstelle. Mein zweites Zuhause. Ich weiß, dass ich da ein super Team habe und hielt Rücksprache. Ich habe verdeutlicht, dass, wenn ich Geschäftsführung werde, ich nicht mehr alle Aufgaben, die ich bis dato erledigt habe, weiterhin ausüben kann. Wie ist es überhaupt fürs Team, wenn ich „der Boss“ bin? Die Rückmeldung kam ganz schnell: Renate, wir müssen jetzt auch schon machen, was Du uns sagst. Die einzige Veränderung ist, dass Du nicht mehr so viel vor Ort sein wirst.

Mein Team bestärkte mich, mich auf die Geschäftsführung zu bewerben. Also habe ich entsprechende Aufgaben von mir aufs Team übertragen, die mir mehr Zeit für die Aufgaben der Geschäftsleitung lassen.

Also habe ich mich beworben und musste nach 18 Jahren Tätigkeit im Kinderheim Leer eine offizielle Bewerbung schreiben.  Hab ich ja ewig nicht gemacht.

Dann tagte das Gremium. Nicht nur einmal. Und ich wurde immer nervöser. Schließlich kam der Tag, an dem Julia und ich zu einem Vorstellungsgespräch des Gremiums eingeladen wurden.

UND DAS WAR NICHT WITZIG, sondern sehr ernst. Ich fühlte mich 20 Jahre zurückversetzt. Wir wurden gefragt, warum wir uns für die Stelle beworben haben, was uns an der Arbeit interessiert, welche Aufgaben wir glauben erledigen zu müssen. Das war sehr spannend. Und dann wurde ich gefragt, wie ich das händeln will mit der Kinderhilfsstelle. Es kamen dann Gedanken, die eine Bevorteilung der Gruppe nicht ausschlossen. Aber auch, ob die Kinderhilfsstelle dann eine neue Hausleitung bekommt? Und mein Arbeitsplatz? Wo wird der sein? Im Büro der Kinderhilfsstelle geht das nicht, denn das ist der Arbeitsplatz der Kollegen der Gruppe. In die Brüder-Grimm-Straße umsiedeln? Dann bin ich nicht mehr an der Basis. Das konnte ich mir auch nicht vorstellen.

Dann kam der Entscheidungstag des Gremiums: Es gab ein eindeutiges Ergebnis: Das Gremium entschied, dass Julia und ich das Kinderheim Leer führen sollen.

Und jetzt sind wir noch im Prozess, uns offiziell als Geschäftsführung eintragen zu lassen. Das dauert halt alles länger als erwartet.

Aber die Aufgaben übernehme ich jetzt schon: Mitarbeitergespräche führen (und die sind nicht immer angenehm, sondern auch Krisengespräche gehörten schon dazu), neue Projekte wurden gestartet (Wohngruppe Kompass, Mutter-Kind-Klärung, und dann ein ganz besonderes Projekt: Wir betreuen einen verhaltensauffälligen 17-jährigen Autisten in einer Einzelmaßnahme), Termine beim Steuerberater der IFI in Oldenburg, Vorstellung bei Herrn Schunk-Inkis (Landesjugendamt) und vieles mehr.

Ja, manchmal ist sehr viel los im Alltag in den Gruppen. Aber im Großen und Ganzen kann ich nach einem halben Jahr Leitungstätigkeit sagen: Die Kollegen machen einen guten Job. Ich glaube, wir haben ein gutes Betriebsklima, und das Vertrauen der Mitarbeiter in ihre Einrichtungsleitung wächst und gedeiht.

An dieser Stelle möchte ich meinen besonderen Dank aussprechen, dass mir das Vertrauen entgegengebracht wurde, die IFI Kinderheim Leer gGmbH leiten zu dürfen. Es macht mir großen Spaß, einen guten Kontakt sowohl zu den Kindern, Eltern und Mitarbeitern aufgebaut zu haben. Auch an den Vorstand der IFI Stiftung richte ich meinen Dank. Denn er ist in der ganzen bisherigen Zeit eine stabile Unterstützung in unserem Findungsprozess. So, wieder geiht.

 

Bettina Bischoff

Bei der Wahl der Geschäftsführung dabei sein zu dürfen, war für mich besonders.  Mithilfe meiner Stimme im Gremium bekam ich – in Vertretung für alle Hausleitungen des Kinderheims – die Möglichkeit, den Kurs des Kinderheims in gewisser Weise mitzubestimmen.

Der Gedanke, Julia und Renate könnten die leitende Position vom Kinderheim einnehmen, war noch etwas ungewohnt. Ich fühlte Freude und hatte zugleich Bedenken. Schließlich arbeitete ich mit beiden nun seit einigen Jahren zusammen und wusste, wie ich mit ihnen in der jeweiligen Position, die sie bis dahin innehatten, umgehen kann.

Was würde sich im Umgang mit ihnen verändern, wenn sie die Leitung des Kinderheims übernehmen? Es kamen Fragen, Bedenken und Wünsche auf, welche ich im Vorfeld mit den anderen Hausleitungen absprach, sodass ich gut vorbereitet in das Gremium gehen konnte.

Wichtig war uns, jemanden zu finden, dem das Wohl der uns anvertrauten Kinder am Herzen liegt und jemanden, der sich mit dem Leitbild des Kinderheims identifizieren kann. Wir waren uns schnell einig, dass Renate und Julia genau die richtigen Personen für diese Position sind.

Zuversichtlich sehen wir der Zeit entgegen, in der Renate und Julia die Geschicke des Kinderheims lenken.