Der Beitrag ist in der IFIGENIE 2/2021 erschienen.

 

Jeder Dank ist zu klein

In diesem Jahr feiert die IFI Kinderheim Leer gGmbH ihr 15-jähriges Bestehen. Wobei „feiern“ unter Pandemie-Bedingungen schon ein großes Wort ist. An dieser Stelle blicken Geschäftsführung und Hausleitungen gemeinsam zurück und beschreiben, wie sie die Entwicklungen der vergangenen Jahre erlebt haben und wie sie die Zukunft einschätzen.

 

Die Sicht der Geschäftsführung

Es war einmal: ein Kinderheim Leer, welches von der Stadt Leer betrieben wurde. Im Jahr 2006 wurde dann die Trägerschaft an die IFI übergeben und die Tochtergesellschaft IFI Kinderheim Leer gGmbH gegründet.

Das ist nun schon 15 Jahre her. In der Jugendhilfe sind 15 Jahre eine lange Zeit, es hat sich vieles
verändert: gesetzliche Grundlagen und Anforderungen; Standards und Strukturen, die sich immer weiterentwickelt haben; gesellschaftliche Haltungen; die Inhalte der Ausbildungen; das Fachkräftegebot; die Themen und Bedarfe, die durch die Klienten an uns herangetragen werden.
Auch die IFI Kinderheim Leer gGmbH hat sich diesen Veränderungen und Entwicklungen gestellt und sich auf dem Weg stetig weiterentwickelt.

In welchen Bereichen es die größten oder deutlichsten Veränderungen gab, kann besonders Renate Harms-Tapken nachvollziehbar machen, die seit der ersten Stunde dabei ist:

„Ein großer Punkt sind Fortbildungen: Sie vermitteln Methodenvielfalt und ein erweitertes Verständnis für die Verhaltensweisen der jungen Menschen, wodurch die Mitarbeitenden besser auf sie eingehen können. Während es in früheren Jahrzehnten oft heißen musste: ,Das Kind muss die Gruppe verlassen, ist nicht mehr tragbar‘, lernen Fachkräfte heute vielfältige Sichtweisen und mögliche Interventionen kennen, um gemeinsam mit den Klienten Verhaltensweisen zu verstehen und sie bei Veränderungen zu unterstützen. Und um ihnen zu zeigen: Wir nehmen dich mit allen deinen Stärken und Schwächen an und lehnen dich nicht ab, weil du „anstrengend“ bist. Daher legen wir auch großen Wert darauf, dass unsere Fachkräfte sich berufsbegleitend weiterbilden und austauschen.
Mittlerweile bieten wir auch interne Praktikanten-Workshops an zu Themen wie  Eskalation/ Deeskalation, Trauma, Medien oder gewaltfreier Kommunikation. So erhalten schon unsere Praktikanten einen fachlich-fundierten Eindruck von den Themen, die sie als spätere Fachkräfte in den Hilfen zur Erziehung erwarten.“​​​

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Eingangsbereich der Wohngruppe Leer - früher und heute

Foto: IFI Kinderheim Leer gGmbH

Renate Harms-Tapken kann aus ihrer Erfahrung ebenfalls berichten, dass die Anforderungen an die Fachkräfte sich innerhalb der letzten anderthalb Jahrzehnte erhöht haben.

Bereits bei der Einstellung sollten sich die Mitarbeitenden bewusst sein, welche herausfordernde Arbeit in den Hilfen zur Erziehung zu bewältigen ist.

Belastbarkeit ist heute eine zentrale Stärke, die mitgebracht oder entwickelt werden muss, wenn man in diesem Arbeitsfeld Fuß fassen und aufgehen möchte. Dies liegt unter anderem daran, dass sich die Auffälligkeiten der Klienten verändert haben: Sehr viel mehr der heutigen Klienten haben in jungen Kinderjahren Gewalt (und ich schreibe von jeglicher Art von Gewalt: körperlich, psychisch, rituelle, sexuelle Gewalt) erlebt. Und es mag junge Fachkräfte, die mit 23 Jahren noch am Beginn ihrer Berufslaufbahn stehen, in besonderem Maße aus der Bahn werfen, wenn sie erfahren, dass sie ein Kind betreuen, das im Alter von zwei, drei Jahren sexuell missbraucht wurde. Auch das höhere Gewaltpotenzial einiger Kinder und Jugendlichen ist eine Belastung für die Fachkräfte.

Heute gilt es außerdem, wesentlich mehr Termine der Klienten zu begleiten als noch vor 15 Jahren. Damals war Dokumentation schon wichtig, allerdings sind auch hier die Ansprüche an Qualität und Quantität stark gestiegen. Mittlerweile werden viel öfter Gutachten erstellt, die auf eine genaue Dokumentation von Verhaltensweisen und Äußerungen durch unsere Fachkräfte angewiesen sind. Solche Berichte und Stellungnahmen müssen manchmal innerhalb von 24 bis 48 Stunden verfasst werden. Und das geht im Rahmen des professionellen Anspruchs und der hohen Verantwortung, die so etwas mit sich bringt, nicht „mal eben nebenbei“.

Diese oftmals belastenden Faktoren müssen aufgefangen und ausgeglichen werden, damit unsere Fachkräfte weiter mit Freude an ihre vielfältige Tätigkeit herangehen können und uns lange erhalten bleiben. Wer an seine Grenzen stößt, braucht Gesprächs- und Reflexionsangebote und teils auch weitere Unterstützung. Das IFI Kinderheim leistet hierzu auch durch die vorhandenen Supervisionsangebote für die Teams sowie die Leistungskräfte – und bei individuellem Bedarf, z.B. nach Gewalterlebnissen der Fachkräfte – einen wichtigen Beitrag. Diese Haltung stand in der Jugendhilfe in früheren Jahrzehnten nicht zwingend im Fokus. Zu oft konnten Fachkräfte aufgrund der erlebten Belastungen die Arbeit nicht mehr ausführen.

Foto eines Kinderzimmers von 2006
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Kinderzimmer - früher und heute

Foto: IFI Kinderheim Leer gGmbH

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Speziell aus Sicht der Geschäftsführerinnen haben sich die bürokratischen Anforderungen an die Arbeit verändert und erhöht, egal ob es um die Eröffnung neuer Angebote geht, die Beschäftigung von „Quereinsteigern“ oder um Themen wie Arbeits- und Datenschutz. Standards und Vorgaben entwickeln sich in diesen Bereichen stetig weiter, was nicht zwingend schlecht ist, nur notwendig macht, dass mehr Zeit und Ressourcen in diesen Bereichen eingesetzt werden.
Eins bedauert Renate Harms-Tapken besonders: In ihrer Erfahrung ist es noch nicht lange her, dass der Austausch im Helfersystem sehr engmaschig war; es wurde sich über alles Mögliche ausgetauscht, damit alle auch alle Informationen hatten. Dies war hilfreich, gerade wenn besondere Förderungen oder Perspektiven erarbeitet wurden. Mittlerweile hat dies jedoch aus verschiedenen Gründen nachgelassen.

Zudem wird es immer schwieriger, Fachkräfte für die Hilfen zur Erziehung zu gewinnen: Die Attraktivität von 24-Stunden-Schichten, Arbeiten an Wochenenden und Feiertagen, an Weihnachten und Silvester, darf ganz realistisch bezweifelt werden. Dazu dann der Ruf (und oft auch die Realität), dass es um die Arbeit mit sehr belasteten, „schwierigen“ Menschen geht… Da gibt es doch andere Arbeitsplätze, die gerade jungen Fachkräften attraktiver erscheinen. Dazu noch die Situation, dass es viele verschiedene Arbeitsplätze im sozialen Bereich gibt, die alle um die gleichen Fachkräfte konkurrieren… Tja, da darf auch das IFI Kinderheim als Arbeitgeber sich immer wieder positionieren und weiterentwickeln, um ein guter Ort nicht nur für unsere Klienten, sondern auch für unsere Fachkräfte zu sein. Vor 15 Jahren oder noch früher war dies kein vorrangiges Thema für Arbeitgeber im sozialen Bereich – da war es teilweise auch noch normal, vier Vollzeitstellen für die Betreuung von acht Kindern und Jugendlichen zu haben, was heute allein schon aus Gründen des Arbeitsschutzes nicht mehr vorstellbar ist.

Heute erscheint es zudem „normal“, dass jede Gruppe eine sogenannte Hausleitung hat, die federführend administrative und organisatorische Angelegenheiten im Haus erledigt und die Schnittstelle der Gruppe zur Geschäftsführung ist. Auch das war nicht immer so: Früher waren einfach „alle“ für „alles“ verantwortlich, was auch mal für Verwirrung sorgen konnte.

Wohn-Ess-Bereich - früher und heute

Foto: IFI Kinderheim Leer gGmbH

​​​​​​​​​Die Sicht der Hausleitungen und Fachkräfte

Wenn wir unsere Hausleitungenund Fachkräfte fragen,  was konkret sich über die Jahre in ihrer Arbeit bzw. der Arbeit in ihren Gruppen verändert hat, erhalten wir vielfältige Antworten. Besonders der Bereich der Partizipation hat sich in ihrer Wahrnehmung weiterentwickelt. Die Klienten werden heute in fast alle Bereiche miteinbezogen, sei es in die räumliche Gestaltung des Hauses oder des Gartens, in die Hilfeplanung, in die Planung und Umsetzung von Gruppenaktivitäten und Gruppenstrukturen oder in der Alltags- und Freizeitgestaltung.

Auch die Anleitung zur alters- und entwicklungsgemäßen Selbstständigkeit und der Bereich der Verselbstständigung wurden im Laufe der Jahre stetig optimiert und ausgebaut, so dass es heute ein solides Fundament mit vielfältigen Unterstützungsmöglichkeiten gibt.
Die Bezugsarbeit in den Gruppen hat in den letzten 15 Jahren an Bedeutung gewonnen und zusätzliche Inhalte bekommen. Sie findet deutlicher und intensiver statt als früher: Bezugsaktionen sind dabei genauso wichtig wie Raum für individuelle Zuwendung und Einzelgespräche. Gleichzeitig erleben die Hausleitungen, dass immer mehr junge Menschen Bedarf an einer individuellen, engmaschigen Zusatzbetreuung haben.
Die Bezugsarbeit wurde z.B. um Aspekte der Familienarbeit ergänzt; generell ist die Eltern- bzw. Familienarbeit heute ein viel wichtigerer Teil der pädagogischen Arbeit und es gibt enge Kontakte und Absprachen mit den Familien der jungen Menschen.
Die Bedeutung einer positiven Atmosphäre für alle in der Gruppe hat zugenommen: Es geht zentral um ein Zuhause-Gefühl – ein lebendiges Miteinander, der Wunsch nach Harmonie, Kontakt und Privatsphäre. Diese Grundstimmung wird erheblich durch das Team geprägt – denn wenn die Erwachsenen sich gut verstehen, sich vertrauen, im positiven Kontakt miteinander sind, spüren das auch die jungen Menschen. Daher nehmen teambildende und Teamentwicklungsmaßnahmen (auch Teamabende!) eine wichtigere Rolle ein als früher.

Netzwerkarbeit und -pflege ist in den letzten 15 Jahren immer wichtiger geworden. Durch die vielfältigen Entwicklungsfelder und erlebten Belastungen der jungen Menschen ist es von besonderer Wichtigkeit, einen gut aufgestellten Pool von Kooperationspartnern zu haben. Im Laufe der Jahre konnten das IFI Kinderheim und die einzelnen Gruppen so im Sinne der Klienten viele hilfreiche Kontakte knüpfen und ein stabiles Kooperationsnetzwerk aus ganz unterschiedlichen Bereichen aufbauen, seien es Jugendämter, Vermieter, Ärzte, Therapeuten, Schulen, Händler, die Polizei, Installateure, Bäcker, Fahrradhändler, Nachhilfeangebote, Möbelhäuser oder Privatpersonen. Allen von ihnen gebührt unser herzlichster Dank! Ohne diese gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit würden die Gruppen mit viel größeren Problemen im Alltag belastet werden.

Allerdings darf an dieser Stelle eine Person besonders gewürdigt werden: Hausmeister Lothar von der IFI Stiftung. Er ist immer zur Stelle, sobald es in einer Gruppe „brennt“.
Durch die „Flüchtlingskrise“ 2015/16 fanden sich plötzlich viele junge Menschen in unserer Betreuung, die bislang wenig Berührungspunkte mit Deutschland gehabt hatten – weder mit Sprache noch Kultur. Ihnen unter oft unklaren Rahmenbedingungen und bei Sprachbarrieren auf gute Wege zu helfen, war und ist teils heute noch eine große Herausforderung. Die größte Herausforderung war in jüngster Zeit jedoch die Corona- Pandemie. Etwas Vergleichbares hatte es in den letzten 15 Jahren nicht gegeben. Durch die Pandemie gab es auch in unseren Gruppen kaum Möglichkeiten, außerhalb etwas zu unternehmen. Die Gruppenatmosphäre und individuelle Belastbarkeit wurden in dieser Zeit hart auf die Probe gestellt: Es gab vermehrt Konflikte unter den jungen Menschen, denen verständlicherweise genau wie den Fachkräften – neben vielen Sorgen in der Ungewissheit – „die Decke auf den Kopf fiel“. Unsere Fachkräfte stellten sich dazu noch der neuen Herausforderung, flächendeckend Homeschooling und entsprechende Betreuung umzusetzen. Mittlerweile sind wir aber alle Profis in Hygieneregeln, Testung und allgemein ungewissen Lagen.

Das Erkennungsbild des IFI Kinderheims 2006 bis 2015

Mit diesem Erkennungsbild hat 2006 die Öffentlichkeitsarbeit der neu gegründeten IFI Kinderheim Leer gGmbH begonnen.

Foto: Fotolia.com

Was die Zukunft von uns fordert

Manche Herausforderung ist für uns bereits absehbar: Ein wichtiges Thema ist heute schon der Umgang mit den Sozialen Medien – und dieses Thema wird bleiben. Egal, ob es um Nutzungszeiten oder Suchtfragen geht, um das Preisgeben von persönlichen Daten oder um den Kontakt zu fremden Menschen, die ggfs. unter falscher Identität agieren. Die Aufgabe unserer Fachkräfte bleibt, die Klienten hinsichtlich der Mediennutzung zu unterstützen und zu begleiten, um ihre Medienkompetenz zu stärken.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Umgang mit Diversität und Transsexualität. Immer mehr junge Menschen trauen sich, sich entsprechend zu äußern und sich selbst zu verwirklichen. Hierfür sind sie auf Toleranz und Akzeptanz angewiesen. Wichtig ist, für sie da zu sein, sie ernst zu nehmen und Beratungs- und Unterstützungsangebote einzubeziehen – und auch, dass sich unsere Fachkräfte in diesem Thema „fit machen“.
Immer wichtiger wird die Beteiligung der Eltern/Familien der jungen Menschen, und wir dürfen uns in diesem Bereich noch vielfältiger aufstellen. Wir müssen, auch über Fortbildung, der Sachlage gerecht werden, dass Gesprächsführung oder Aspekte von „Elterncoaching“ in der Regel nicht Teil der Ausbildung zur Fachkraft sind – und dass 23-jährige Fachkräfte die Methoden und das Selbstbewusstsein brauchen, um 38-jährigen Elternteilen kompetent und unterstützend  gegenüberzutreten.
Und wie werden wir in den Hilfen zur Erziehung gesamtgesellschaftlichen Themen wie Nachhaltigkeit gerecht…?


Wir sind gespannt auf die Themen, die uns als IFI Kinderheim Leer gGmbH in den nächsten Jahren begleiten werden. Wir freuen uns, dass wir in den zurückliegenden 15 Jahren nicht nur viele Herausforderungen erfolgreich bewältigt haben, sondern uns und unsere Arbeit stetig im Sinne der Klienten verbessern konnten. Viele junge Menschen konnten aufgrund ihrer Unterbringung in unseren Gruppen einen positiven, eigenständigen Lebensweg gehen.
Gleichzeitig konnte die IFI Kinderheim gGmbH für viele wunderbare und kompetente Menschen ein „berufliches Zuhause“ werden. Ohne das Engagement, die Motivation und das Vertrauen unserer vielen Mitarbeitenden wäre das IFI Kinderheim nicht da, wo es heute ist. Danke an jeden einzelnen von Euch! Ihr stellt Euch den täglichen Herausforderungen, seid in schwierigen Zeiten für die jungen Menschen da, unterstützt sie in allen Lebenslagen. Ihr lacht und weint mit ihnen und kommt zwischenzeitlich an Eure eigenen Grenzen. Aber ihr macht weiter, bleibt am Ball! Dafür ist jeder Dank zu klein.

 

Renate Harms-Tapken und Julia Köster
sowie die Hausleitungen Mareike Lübben, Iris Wübbenhorst, Hilla Gesenhaus, Bettina Bischoff, Anke Haken, Dennis Meier und Yvonne Krull